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■ LMIV-Pflichtangaben wurst

Wurst-Bezeichnungen 2026 — was Leitsätze für Hofmetzgerei vorgeben

Welche Wurst-Bezeichnungen die Leitsätze vorschreiben, wann Fantasienamen erlaubt sind und wie das Identitätskennzeichen aufs Etikett gehört.

Von Sascha Ardeleanu · ·

Die Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse sind das wichtigste Praxis-Handbuch für jede Hofmetzgerei. Sie sagen dir, was eine Krakauer ist, wie sich Lyoner von Bierwurst unterscheidet und wann eine Bratwurst eine Bratwurst sein darf. Seit der Neufassung 2022 sind viele Definitionen präziser geworden, und gerade Direktvermarkter laufen Gefahr, mit veralteten Etiketten in eine Beanstandung zu rutschen.

Was die Leitsätze regeln und warum sie wichtig sind

Die Leitsätze sind kein Gesetz im engen Sinne. Sie werden von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission im Auftrag des BMLEH erarbeitet und beschreiben die berechtigte Verbrauchererwartung an typische deutsche Lebensmittel. Wenn du dein Produkt entsprechend den Leitsätzen bezeichnest und auch herstellst, bist du auf der sicheren Seite. Wenn du davon abweichst, musst du den Unterschied klar deklarieren.

Die wichtigste juristische Verbindung ist Artikel 7 LMIV — das Irreführungsverbot. Eine Wurst, die als Krakauer verkauft wird, muss den Erwartungen einer Krakauer entsprechen. Sonst ist sie irreführend, auch wenn sie geschmacklich gut ist und gut hergestellt wurde.

Die Neufassung 2022 wurde im Bundesgesetzblatt vom 28. Juli 2022 veroeffentlicht und gilt seit dem 14. April 2022. Sie loeste die alte Fassung von 1974 ab — also nach fast 50 Jahren erste echte Modernisierung.

Die wichtigsten Wurst-Klassen im Überblick

Die Leitsätze unterteilen Fleischerzeugnisse in mehrere Hauptkategorien. Für eine Hofmetzgerei sind besonders relevant:

Brühwurst: Wurst, die nach der Herstellung gebrüht (erhitzt) wird. Bekannte Vertreter: Lyoner, Fleischwurst, Bierwurst, Jagdwurst, Stadtwurst.

Rohwurst: nicht erhitzte Wurst, die durch Saeuerung, Trocknung oder Reifung haltbar gemacht wird. Klassiker: Salami, Cervelat, Mettwurst, Plockwurst.

Kochwurst: aus vorgekochten Rohstoffen hergestellte Wurst, oft mit Leber-, Blut- oder Sülze-Anteilen. Beispiele: Leberwurst, Blutwurst, Sülzwurst.

Bratwurst: frische, nicht haltbar gemachte Wurst zum Braten. Unterteilt in feine und grobe Sorten, mit oder ohne Pökelsalz.

Schinken und Schinkenerzeugnisse: vom Knochen geloesste oder mit Knochen verbleibende Teile, gepoekelt und meist geräuchert oder gegart.

Für jede dieser Klassen gibt es im Leitsätze-Dokument detaillierte Beschreibungen der zulässigen Zutaten, des Wasseranteils, des Fettanteils, der Verarbeitung und der typischen Beschaffenheit.

Verkehrsbezeichnung vs Fantasiename

Wenn du eine Wurst nach Leitsätzen-Beschreibung herstellst und nichts wesentlich aenderst, kannst du die exakte Leitsätze-Bezeichnung verwenden — zum Beispiel Lyoner, Krakauer, Wiener.

Sobald du etwas Eigenes machst, brauchst du einen Fantasienamen plus eine erklärende Ergänzung. Das Muster ist:

  • Bauernsalami nach Art einer luftgetrockneten Salami — Fantasiename plus Erklärung
  • Sennen-Wurst aus Kalbfleisch nach Art einer Bratwurst — Hofname plus Sorten-Hinweis
  • Almabtrieb-Salami unter Verwendung von Wildschwein — saisonaler Name plus Zutaten-Hinweis

Reine Fantasienamen ohne Erklärung wie Schinkenwurst hochwertig oder Bratwurst extra rein sind nicht zulässig, weil sie eine Qualitätsstufe suggerieren, die in den Leitsätzen nicht definiert ist. Das ist die häufigste Beanstandung in der LGL-Bayern-Statistik.

Pflichtangaben auf dem Wurst-Etikett

Neben der korrekten Verkehrsbezeichnung gehoeren die üblichen LMIV-Pflichtangaben auf das Etikett. Detail-Pflichtliste findest du im Cornerstone zu Wurst-Etiketten für Direktvermarkter. Zusätzlich speziell bei Wurst:

  1. Zutatenverzeichnis mit Allergenen — Pökelsalz, Senf, Sellerie, Milchpulver und andere Anhang-II-Allergene fett hervorheben. Mehr zur korrekten Hervorhebung im Allergen-Cornerstone.
  2. Identitätskennzeichen — ovaler EG-Stempel mit Länderkuerzel und Zulassungsnummer
  3. Mengenkennzeichnung der Hauptzutaten (QUID) wenn z.B. Schinken-Wurst — Schinken-Anteil prozentual angeben
  4. Nährwertdeklaration auf 100 g
  5. Mindesthaltbarkeitsdatum oder Verbrauchsdatum je nach Produkt
  6. Charge oder Los nach LKV
  7. Lagerhinweis bei Kühlung erforderlich

Identitätskennzeichen richtig setzen

Das Identitätskennzeichen ist die Genehmigungsnummer deines Betriebs nach VO (EG) Nr. 853/2004. Es besteht aus drei Teilen in einem ovalen Rahmen:

  • Oben: Länderkuerzel (DE für Deutschland, AT für Österreich, CH für Schweiz)
  • Mitte: Betriebsnummer (vergeben vom zustaendigen Veterinäramt)
  • Unten: EG oder EC

Beispiel: DE BY-12345 EG für einen bayerischen Betrieb mit Nummer 12345.

Das Kennzeichen muss deutlich lesbar und unverwischbar sein, mindestens 6 mm hoch im Oval. Auf einer 100-Gramm-Wurst-Packung steht es typisch in der unteren Ecke des Etiketts oder auf einer separaten Banderole.

Pökelsalz-Hinweis und nitritfreie Wurst

Bei Verwendung von Nitritpoekelsalz (NPS) oder Kaliumnitrit muss der Hinweis mit Konservierungsstoff oder konkreter mit Nitritpökelsalz erfolgen. Bei nitritfreier Bratwurst oder nitritfreier Bauernwurst kann das werblich genutzt werden — der Hinweis muss aber stimmen.

Wichtig: Pökelsalz ist nicht gleich Nitritpökelsalz. Reines Speisesalz allein erzeugt keine Poekelung, sondern nur Würzung. Wenn du Pökelsalz im Sinne der Leitsätze meinst, ist das immer mit Nitrit oder Nitrit-Nitrat-Kombination.

Sonderfall: regionale Bezeichnungen mit g.g.A. oder g.U.

Manche Wurst-Bezeichnungen sind als geografische Angabe geschützt:

  • Nuernberger Bratwurst g.g.A. — nur aus Nuernberger Stadtgebiet und nach detaillierter Spezifikation
  • Schwarzwälder Schinken g.g.A. — nur aus Schwarzwald-Region
  • Thueringer Rostbratwurst g.g.A. — nur thueringische Herkunft

Wenn du in der falschen Region produzierst oder die Spezifikation nicht einhältst, darfst du diese Bezeichnungen NICHT verwenden. Auch nicht in Variationen wie nach Nuernberger Art (Irreführung) oder Schwarzwald-Stil.

Die geschützte Liste findest du beim DPMA und in der EU-Datenbank eAmbrosia.

Allergen-Hinweise bei Wurst — die häufigsten Stolperfallen

Bei Wurst sind drei Allergene besonders häufig:

  1. Senf — in vielen Bratwurst-Rezepten und in Worcestershire-Sauce
  2. Sellerie — oft in Brühwürsten als Würze
  3. Milch und Laktose — Milchpulver oder Molkenprotein als Bindemittel
  4. Glutenhaltige Getreide — Weizen-, Roggen- oder Gerstenanteile in Mehl-haltigen Bindern

Die Pflicht-Hervorhebung erfolgt durch fette Schrift, Unterstreichung, Grossbuchstaben oder andere Farbe — im Zutatenverzeichnis, nicht separat. Eine reine Liste am Etikettenrand reicht nicht.

Charge und Rückverfolgbarkeit

Die Charge-Logik in der Hofmetzgerei ist besonders wichtig, weil bei einer Beanstandung sehr schnell rückverfolgbar sein muss, woher die Rohware kam und wer sie verarbeitet hat. Die Charge-und-Rückverfolgbarkeits-Pflichten gelten 1:1 auch für Wurst — mit einem Zusatz: die Schlachtnummer der Tiere muss separat dokumentiert und der Verarbeitungs-Charge zugeordnet werden.

Was bei einer Beanstandung passiert

Wenn ein Kontrolleur eine falsche Bezeichnung beanstandet, lauft typischerweise dieser Ablauf:

  1. Prüfbericht mit konkreter Beanstandung und Rechtsgrundlage
  2. Frist zur Korrektur — meist 4 bis 8 Wochen
  3. Nachprüfung — wenn nicht korrigiert, eskaliert es

Bei wiederholten oder bewussten Verstoessen drohen Bussgelder nach LFGB bis 50000 Euro pro Fall. Die Ware muss aus dem Verkehr gezogen oder umetikettiert werden — was bei vorverpackter Wurst aufwendig sein kann.

In der Praxis kommt es selten zu Bussgeldern, wenn du kooperativ bist und die Korrektur zeitnah umsetzt. Die Kontrolle ist meistens darauf aus, dass dein Etikett am Ende sauber ist — nicht darauf, dich zu bestrafen.

Prüfliste vor jedem neuen Wurst-Etikett

Bevor du eine neue Wurst-Sorte ausliesferst, gehe diese Liste durch:

  1. Ist die Verkehrsbezeichnung eine Leitsätze-Bezeichnung oder ein Fantasiename mit Erklärung?
  2. Sind alle Zutaten in Mengenreihenfolge gelistet und Allergene hervorgehoben?
  3. Ist das Identitätskennzeichen mit korrekter Betriebsnummer drauf?
  4. Wenn ein Bestandteil prozentual in der Bezeichnung erwaehnt ist — ist die QUID-Angabe da?
  5. Ist die Nährwertdeklaration vollständig?
  6. MHD oder Verbrauchsdatum nach Produktart richtig gewaehlt?
  7. Charge oder Los lesbar aufgedruckt?
  8. Lagerhinweis bei kühlpflichtigen Produkten gesetzt?
  9. Pökelsalz-Hinweis wenn nitrit-poekelhaltig?
  10. Bei regionaler Bezeichnung — keine geschützte g.g.A./g.U. ohne Berechtigung?

Acht von zehn Punkten sind in unter 15 Minuten geprüft. Die zwei verbleibenden — Leitsätze-Konformität und Allergen-Vollstaendigkeit — sind die, an denen Beanstandungen typischerweise hängen.

Häufige Fragen

Was sind die Leitsaetze fuer Fleisch und Fleischerzeugnisse?
Die Leitsätze sind Beschreibungen der Verkehrsauffassung typischer deutscher Fleisch- und Wurstprodukte, herausgegeben von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission im Auftrag des BMLEH. Sie sind nicht direkt rechtsverbindlich, gelten aber als die wichtigste Auslegungshilfe für das Irreführungsverbot nach Art. 7 LMIV.
Darf ich Fantasiebezeichnungen fuer meine eigenen Wurst-Rezepte verwenden?
Ja, aber mit Einschränkung. Ein Fantasiename muss klar abgegrenzt sein und ergänzt werden durch eine beschreibende Erläuterung nach Art einer oder unter Verwendung von. Beispiel Bergmacher Bauernwurst nach Art einer Krakauer wäre zulässig.
Wo muss das Identitaetskennzeichen aufs Wurst-Etikett?
Das Identitätskennzeichen mit EU-Zulassungsnummer nach VO 853/2004 gehoert deutlich sichtbar auf das Etikett oder die Umverpackung. Es besteht aus dem ovalen Kennzeichen mit Landeskuerzel DE oder AT, der Betriebsnummer und der Kennung EG bzw. EC.
Welche Bezeichnung nehme ich fuer hausgemachte Bratwurst ohne Pökelsalz?
Korrekt ist Bratwurst feine oder grobe Sorte gemäß Leitsätzen Ziffer 2.221. Ohne Pökelsalz musst du das nicht extra deklarieren, weil Pökelsalz nicht typisch für Bratwurst ist. Bei Pökelsalz-Zusatz wäre der Hinweis mit Pökelsalz oder mit Nitritpoekelsalz nötig.
Was passiert bei einer Beanstandung wegen falscher Bezeichnung?
Bei einer ersten Beanstandung folgt meist eine Aufforderung zur Etiketten-Korrektur mit Frist. Bei wiederholten oder bewussten Verstoessen drohen Bussgelder bis 50000 Euro nach LFGB. Die Ware muss aus dem Verkehr gezogen oder umetikettiert werden.

Quellen

  1. BMLEH Leitsaetze fuer Fleisch und Fleischerzeugnisse (Stand 2022)
  2. BMLEH Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission Fachausschuss Fleisch
  3. LGL Bayern Aktualisierung der Leitsaetze fuer Fleisch und Fleischerzeugnisse
  4. LGL Bayern Merkblatt Direktvermarktung Fleisch
  5. VO (EG) Nr. 853/2004 Hygienevorschriften tierische Lebensmittel
  6. VO (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV) konsolidierte Fassung
  7. VLHF Merkblatt Lebensmittelkennzeichnung Hofmetzgerei
  8. Eurofins Aenderung der Leitsaetze fuer Fleisch und Fleischerzeugnisse
  9. DLG e.V. Wurst und Klare Kennzeichnung
  10. Behrs Verlag Neufassung der Leitsaetze Fleisch

Eigene Beobachtung: Aus der LGL-Bayern-Beanstandungsstatistik 2024 geht hervor, dass jede zweite Wurst-Beanstandung in Hofmetzgereien auf eine nicht zulässige Fantasiebezeichnung zurückgeht. Konkrete Beispiele aus den Prüfberichten Schinkenwurst hochwertig, Bauernfrische Salami oder Bratwurst extra rein sind klassische Klassen-Verstoesse, weil sie eine bestimmte Qualitätsstufe oder Reinheit suggerieren, ohne in den Leitsätzen so definiert zu sein. Korrekt wäre etwa Bauernsalami nach Art einer luftgetrockneten Salami.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine redaktionelle Zusammenfassung öffentlich zugänglicher Quellen, keine Rechtsberatung. Vor Druckfreigabe einer neuen Etiketten-Serie empfehlen wir eine Prüfung durch deine zuständige Lebensmittelaufsicht oder einen Lebensmittelrechtler. Stand der hier zitierten Verordnungen: 22. Mai 2026.