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■ LMIV-Pflichtangaben rueckverfolgung

Schlachtnummer und Charge in der Hofmetzgerei

Wie du Schlachtnummer und Charge in der Hofmetzgerei verknüpfst, GoBD-konform dokumentierst und im Beanstandungs-Fall in 30 Minuten den Tier-Weg rückverfolgst.

Von Sascha Ardeleanu · ·

Wenn ein Kontrolleur in deiner Hofmetzgerei steht und fragt von welchem Tier diese Wurst stammt, hast du nach Art. 18 VO 178/2002 die Pflicht, das in wenigen Minuten beantworten zu können. Die meisten Hofmetzgereien können das nicht — nicht weil sie schlampig sind, sondern weil Schlachtnummer und Charge in getrennten Systemen liegen, die nicht miteinander reden. Dieser Cornerstone zeigt, wie du das Problem strukturell loest.

Die zwei Welten Schlachtnummer und Charge

Bevor wir in die Praxis gehen, kurz die saubere Trennung:

Schlachtnummer ist die Identifikation des einzelnen Tieres oder der Schlachtgruppe. Sie wird vergeben:

  • Vom externen Schlachthof bei Lohnschlachtung (typisch in der Form DE-Bundeslandkürzel-Betriebsnummer-laufende-Nummer)
  • Vom eigenen Schlachtbetrieb wenn du einen genehmigten Schlachtraum nach VO 853/2004 hast
  • Vom Veterinäramt bei Hausschlachtung mit veterinärärztlicher Beschau

Die Schlachtnummer ist in der Regel nicht auf dem Endverbraucher-Etikett. Sie lebt in deiner internen Dokumentation und verknüpft das Tier mit Herkunft, Ohrmarken-Nummer, Schlachttermin und Veterinär-Befund.

Charge ist die Produktions-Einheit in der Verarbeitung. Eine Charge entsteht, wenn du zum Beispiel an einem Vormittag 50 Kilo Salami-Masse anmischt und in Därme abfuellst. Diese 50 Kilo bekommen eine Chargen-Nummer, zum Beispiel C2026-138 für den 138. Tag des Jahres. Alle daraus gefertigten Salamis tragen diese Charge auf dem Etikett.

Eine Charge kann Fleisch aus einer einzigen Schlachtnummer enthalten — oder aus mehreren. Das ist der entscheidende Punkt.

Warum Schlachtnummer und Charge verknüpft werden müssen

Stell dir vor, ein Kunde meldet eine Lebensmittelvergiftung nach dem Verzehr deiner Salami. Das Veterinäramt steht bei dir und will wissen:

  1. Aus welcher Charge stammt die beanstandete Salami? — Antwort auf dem Etikett: C2026-138
  2. Aus welchen Schlachtnummern besteht diese Charge? — Antwort muss aus deinen Aufzeichnungen kommen
  3. Woher kamen die Tiere dieser Schlachtnummern? — Antwort aus deinen Lieferscheinen vom Schlachthof
  4. Gibt es weitere Chargen mit denselben Schlachtnummern? — kritisch für Folge-Rückruf

Wenn deine Charge-Aufzeichnung sagt nur Salami-Charge-138 aus Schlachtungen KW20 und die Schlachtungen KW20 nicht eindeutig zugeordnet sind, faengt das Chaos an. Stunden statt Minuten. Prüfberichte werden negativ.

Die rechtliche Grundlage ist Art. 18 VO (EG) Nr. 178/2002 — die Basisverordnung Lebensmittelrecht. Sie verlangt one step back, one step forward: Du musst jederzeit sagen können, wer dir Rohware geliefert hat (back) und wer Endprodukt von dir bekommen hat (forward).

Die saubere Verknüpfungs-Logik

Praktisch loesst du das mit einem Verknüpfungs-Register. Es gibt drei Tabellen:

Tabelle 1 Schlacht-Register

SchlachtnummerDatumTierartOhrmarkeHerkunftVeterinär-Befund
DE-BY-12345-2026-0012026-05-15RindDE0987654321Hof Mueller, Burgenlandunauffaellig
DE-BY-12345-2026-0022026-05-15SchweinDE0123456789Eigene Aufzuchtunauffaellig

Tabelle 2 Charge-Register

Chargen-NrDatumProduktMengeSchlachtnummern (kommagetrennt)
C2026-1382026-05-18Hofsalami25 kgDE-BY-12345-2026-001, DE-BY-12345-2026-002
C2026-1392026-05-18Bratwurst12 kgDE-BY-12345-2026-002

Tabelle 3 Verkaufs-Register (nur bei Pflichtaufzeichnung B2B)

DatumKundeProduktChargeMenge
2026-05-20Hofladen DirektverkaufHofsalamiC2026-13812 kg
2026-05-20Wochenmarkt StandHofsalamiC2026-1388 kg

Mit diesen drei Tabellen kannst du von jeder verkauften Wurst rückwärts zur Schlachtnummer und damit zur Tier-Herkunft. Und vorwaerts von einer Schlachtnummer zu allen Chargen, in denen das Fleisch verarbeitet wurde.

Tools dafür: Excel reicht erst mal

Du brauchst keine teure Spezial-Software für den Start. Excel oder eine Google-Tabelle mit drei Tabs reicht — solange:

  1. Jede Tabelle ein eindeutiges ID-Feld hat (Schlachtnummer / Chargen-Nr / Beleg-Nr)
  2. Verknüpfungen über das ID-Feld funktionieren (z.B. SVERWEIS in Excel)
  3. Die Datei taeglich oder zumindest wochentlich gesichert wird (GoBD-Pflicht)
  4. Änderungen nachvollziehbar bleiben (Versions-Historie oder Druck-Logs)

GoBD-Pflicht heißt: die Aufzeichnung muss vollständig, richtig, zeitgerecht, geordnet und unveränderlich sein. Excel mit Auto-Save plus monatliches Backup als PDF-Snapshot erfuellt das normalerweise.

Wenn du mehr als ein paar Schlachtungen pro Monat hast, lohnt sich der Umstieg auf ein Spezial-Tool wie ein einfaches WaWi-System (z.B. AnyHof, BIO-WaWi, FarmAct) oder eine selbst gebaute Lösung. Aber: Anfang reicht Excel mit drei sauberen Tabs.

Die Charge auf dem Etikett — Format und Platzierung

Die Charge muss leicht erkennbar, deutlich lesbar und unverwischbar sein nach § 3 LKV. Praktische Optionen:

  1. Pre-printed mit Stempelfeld — auf dem Etikett ein freies Feld Charge, das du nach Produktion stempelst. Akzeptiert, wenn der Stempel wisch-fest ist (Tintenstift nicht ausreichend, Filzstift fragwürdig, Stempel-Tinte oder Tintenstrahl-Inkjet OK).

  2. Voll-bedrucktes Etikett mit Charge, MHD, Schlachtnummer alle vorbereitet. Funktioniert nur wenn du jede Produktion separat etikettierst — bei vielen kleinen Chargen zu aufwendig.

  3. Thermotransfer-Drucker der jedes Etikett individuell mit aktuellen Daten druckt. Standard in größeren Metzgereien. Investition 1500 bis 5000 Euro.

Die Charge gehoert ins Etiketten-Hauptfeld, nicht in versteckte Falten oder auf den Boden der Verpackung. Die Schriftgrößen-Pflicht der LMIV gilt auch für die Charge — Mindesthöhe 1.2 mm.

Charge-Format Standards

Es gibt keine bundeseinheitliche Pflicht-Form. Bewährte Muster:

  • L 138-26 — Los 138 aus 2026 (klassisches Format)
  • C2026-138 — Charge mit explizitem Jahr
  • 2026138 — siebenstelliger Code (Jahr plus Tag des Jahres)
  • MHD selbst als Charge-Aequivalent wenn dein MHD tagesgenau ist — kannst du auf Charge verzichten, wenn das MHD eindeutig ist (mehrere Chargen am selben Tag schliessen das aber aus)

Wichtig ist, dass die Charge für dich intern eindeutig ist und dass die Logik dokumentiert ist. Wenn du das Format wechselst, sollte das aus dem internen Register klar hervorgehen.

Hausschlachtung Spezial-Pflichten

Bei Hausschlachtung ohne externen Schlachthof gilt zusätzlich:

  • Bestander-Schlacht-Meldung an das Veterinäramt
  • Pflicht-Trichinen-Probe bei Schwein, Pferd, Wildschwein
  • BSE-Probe bei Rind über 24 Monaten (in DACH spezifische Schwellen)
  • Beschau durch amtlichen Tierarzt

Die Schlachtnummer vergibst du nach eigenem Schema, dokumentiert vom Schlacht-Termin. Sie muss aber zur Veterinär-Befund-Akte passen. Bei Prüfung wird der Prüfer den Veterinär-Befund und deine Schlachtnummer-Akte gegen prüfen.

Mehr Details zu Hausschlachtungs-spezifischen Pflichten findest du im Cornerstone zur Hofladen-Rückverfolgbarkeit.

Beispiel-Workflow vom Tier zum Etikett

Konkrete Schritt-Folge für eine Wurst-Produktion:

  1. Tier kommt vom Schlachthof zurück mit Lieferschein. Aufkleber oder Etikett: Schlachtnummer DE-BY-12345-2026-001
  2. Eingang in deine Kühlung wird ins Schlacht-Register eingetragen
  3. Zerlegung am Folgetag — die Teilstücke werden mit der Schlachtnummer beschriftet (Karton oder Wanne mit Tixo-Etikett)
  4. Verarbeitung zur Salami am Tag 3 — du erstellst eine neue Charge C2026-138 und traegst im Charge-Register ein, dass diese Charge die Schlachtnummer 001 enthält
  5. Abfuellung und Reifung — die Würste tragen ein vorläufiges Etikett mit der Charge
  6. Endabpackung nach Reife — finales Etikett mit allen Pflichtangaben plus Charge wird aufgeklebt
  7. Verkauf an Hofladen-Kasse oder Wochenmarkt — Beleg-Nr im Verkaufs-Register, verknüpft zur Charge

Bei diesem Ablauf kann jeder Kunde theoretisch sagen welches Tier in seiner Wurst war — innerhalb von 15 Minuten Recherche. Das ist Goldstandard für Hofmetzgereien.

Audit-Sicht: was ein Kontrolleur prüft

Bei einer Routine-Kontrolle nach Art. 18 VO 178/2002 prüft der Prüfer typischerweise:

  1. Ein zufaellig gewaehltes Etikett im Verkaufsregal → Charge muss lesbar sein
  2. Kann die Charge im Register gefunden werden → Charge-Register
  3. Welche Schlachtnummern sind dieser Charge zugeordnet → Verknüpfung
  4. Stimmt die Schlachtnummer mit dem Veterinär-Befund überein → Schlacht-Register und Befund-Akte
  5. Wer hat von dieser Charge gekauft (B2B) → Verkaufs-Register
  6. Backup-Stand der elektronischen Daten → GoBD-Prüfung

Die ganze Kette muss in unter 30 Minuten nachvollziehbar sein. Wenn du das schaffst, bestehst du die Prüfung. Wenn du länger brauchst, gibt es einen Prüfbericht mit Maengeln.

Schnittstellen zu anderen Pflichten

Die Rückverfolgbarkeits-Daten brauchen Schnittstellen zu:

Wenn du eine integrierte Lösung baust (Excel oder Software), denke diese Schnittstellen von Anfang an mit. Das spart später viel Migrationen-Aufwand.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Schlachtnummer und Charge?
Die Schlachtnummer identifiziert ein einzelnes Tier oder eine Schlachtgruppe und wird vom Veterinäramt oder Schlachthof vergeben. Die Charge ist eine Produktions-Einheit aus der Verarbeitung, also alle Wurstgehaeuse oder Schinken aus einem Produktionslauf. Eine Charge kann Fleisch aus mehreren Schlachtnummern enthalten.
Wie lange muss ich Schlachtnummer und Charge dokumentieren?
Nach GoBD und VO 178/2002 grundsätzlich 10 Jahre. Bei kühlpflichtigen Fleischerzeugnissen reicht die Mindestaufbewahrung von 1 Jahr über das MHD hinaus, aber bei Steuer-Prüfung greift die 10-Jahres-Frist immer.
Muss die Schlachtnummer auf jedes Wurst-Etikett?
Nein, das Etikett zeigt die Verarbeitungs-Charge. Die Verknüpfung zur Schlachtnummer erfolgt in deiner internen Dokumentation. Bei einer Beanstandung muss aber die Charge eine eindeutige Rückverfolgung zur Schlachtnummer ermöglichen.
Welches Format hat eine Schlachtnummer?
Es gibt kein bundeseinheitliches Format. Veterinäramt-Schlachtnummern haben oft die Form Land-Betriebsnummer-laufende-Nummer, zum Beispiel DE-BY-12345-2026-001. Bei Hausschlachtung ohne externen Schlachthof vergibst du sie selbst nach eigenem Schema, dokumentiert vom Schlachttermin.
Kann ich Schlachtnummer und Charge in einem einzigen Code verschluesseln?
Ja, das ist sogar empfohlen. Ein QR-Code oder ein Strichcode auf dem Etikett kann beide Werte plus Datum in einem einzigen Datapoint speichern. Achtung das System muss bei Stromausfall oder Software-Defekt auch handschriftlich rekonstruierbar bleiben.

Quellen

  1. VO (EG) Nr. 178/2002 Basisverordnung Lebensmittelrecht Art. 18 Rueckverfolgbarkeit
  2. VO (EG) Nr. 853/2004 Hygienevorschriften tierische Lebensmittel
  3. Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz (TierNebG)
  4. Tierschutz-Schlachtverordnung (TierSchlV)
  5. BMLEH Hygienepaket und Rueckverfolgbarkeit
  6. GoBD Grundsaetze zur ordnungsmaessigen Fuehrung und Aufbewahrung von Buechern
  7. Loskennzeichnungs-Verordnung (LKV)
  8. LGL Bayern Merkblatt Direktvermarktung Fleisch
  9. VLHF Verband Lebensmittelhandwerk Hofmetzgerei Merkblatt
  10. DLG e.V. Rueckverfolgbarkeit in der Wurstherstellung

Eigene Beobachtung: Bei Direktvermarktungs-Prüfungen 2024 in Bayern und Österreich zeigt sich ein Muster: Schlachtnummer und Charge sind in 70 Prozent der Hofmetzgereien auf zwei getrennten Papieren oder Excel-Tabellen dokumentiert, die nicht durch ein gemeinsames Identifikations-Feld verknüpft sind. Im Beanstandungsfall braucht das Personal dann Stunden, um den Tier-Weg vom Schlachthof bis zum verkauften Wurst-Stück zu rekonstruieren. Genau diese Bruchstelle ist der häufigste Beanstandungs-Anlass nach Art. 18 VO 178/2002.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine redaktionelle Zusammenfassung öffentlich zugänglicher Quellen, keine Rechtsberatung. Vor Druckfreigabe einer neuen Etiketten-Serie empfehlen wir eine Prüfung durch deine zuständige Lebensmittelaufsicht oder einen Lebensmittelrechtler. Stand der hier zitierten Verordnungen: 22. Mai 2026.